Hauptschule Bünde
 Hauptschule Bünde

Von Gerald Dunkel

Bünde. Diese Woche ist für Schüler in Bünde und ganz NRW die letzte vor den Ferien. Für Brigitte Lubitz ist es die letzte Woche als Lehrerin und Leiterin der Hauptschule Bünde. Die 63-Jährige geht in den Ruhestand.

                 14 Jahre setzte sie sich als Schulleiterin vehement für ihre Schule und die gesamte Schulform ein. "Jetzt hat Frau Lubitz den Kampf um ihre Schule verloren", sagte im vergangenen Jahr einmal jemand nach der Sitzung des Stadtrates, in dem die endgültige Entscheidung zur Auflösung der Hauptschule getroffen wurde. "Kampf?", fragt Brigitte Lubitz. "Wer um etwas kämpft, braucht einen Gegner. Aber den hatten wir ja nie."


Viele Kollegen auch anderer Schulen - auch Verwaltung und Politik - tragen Lubitz und ihr Kollegium verbal auf Händen, wenn sie über die Arbeit an der Hauptschule Bünde sprechen. Eltern teilten diese Meinung jedoch nicht. Der höchstmögliche Schulabschluss wurde für den Nachwuchs angestrebt. Und wenn die Eignung nicht für Realschule oder Gymnasium da war, kam nur noch die Gesamtschule in Betracht, um bloß nicht das "Stigma Hauptschule" tragen zu müssen.

 

"Ich finde es bedauerlich, dass in der Öffentlichkeit nicht deutlich geworden ist, mit welch fundiertem Wissen die Hauptschüler nach ihrem

Abschluss in die  Berufsaus-bildung gehen", sagt Brigitte Lubitz. Aber vor etwa 20 oder 25 Jahren hätten gerade Handwerksberufe mehr und mehr an Attraktivität und Image in der Öffentlichkeit ver-loren. Das eigene Kind sollte mindestens im Büro arbeiten, am besten als Akademiker.

 

Als Brigitte Lubitz 2002 als neue Leiterin der Hauptschule nach Bünde kam, zählte ihr Kollegium 60 Pädagogen. Heute sind es noch 30. Eine Halbierung innerhalb weniger Jahre. 277 Schüler hat die Hauptschule Bünde aktuell - inklusive der Zehntklässler, die offiziell schon entlassen sind.

"Lehrerin ist sicherer als Theater zu spielen", habe ihr Vater gesagt, als es darum ging, in welche Richtung sie studieren sollte. "Ich war außerdem das einzige Kind. Da fanden es meine Eltern schöner, wenn ich in der Nähe blieb", erinnert sich die Pädagogin, die in Minden aufgewachsen ist und dort heute noch wohnt. Sie studierte in Bielefeld. "Für Theaterwissen-schaften hätte ich weit weg ziehen müssen." »Wer um etwas kämpft, braucht einen Gegner. Aber den hatten wir ja nie«

 

Speziell für die Hauptschule hat sie sich entschieden. "Das habe ich gemacht, weil ich den Wunsch hatte, besonders Schülern zu helfen, denen von Haus aus im Fachwissen nicht so viel Unterstützung zuteil wird", sagt die Schulleiterin. Früher sei

es in der Schule vorwiegend um die Vermittlung von Wissen gegangen. "Seit ein paar Jahren kommt mehr und mehr Erziehung hinzu", sagt Brigitte Lubitz. Eigenschaften wie Pünktlichkeit und Ordnung würden heute nicht mehr selbstverständlich zu Hause gelernt. Sie spricht aus vier Jahrzehnten Erfahrung.

 

1974/75 absolvierte sie ihr Referendariat an einer Hauptschule in der Nähe von Porta Westfalica. Danach arbeitete sie 24 Jahre als Lehrerin an einer Hauptschule in Lübbe-cke, bevor sie 2000 Konrektorin an der Hauptschule Vlotho wurde und zwei Jahre später die Leitungsstelle an der Hauptschule Bünde-Mitte bekam. Ihren Berufswunsch habe sie nie bereut. "Ich bin jeden Tag gern zur Arbeit gekommen und bin immer gern Lehrerin gewesen", sagt sie. Wer sie einige Jahre kennt und erlebt hat, wie sie über das Engagement ihres Kollegiums und die Leistungen ihrer Schüler spricht, die mal wieder einen Preis bei einem Wettbewerb gewonnen und sich dabei ge-gen andere Schulen und Schulformen durchgesetzt haben, kauft ihr das sofort und zu recht ab.

Die Leitung einer Schule strebte sie an, weil sie pädagogische Konzepte umsetzen wollte. Im Mittelpunkt zu stehen, liege ihr aber nicht. Selbst unterrichtet hat Lubitz Wirtschaftslehre, Deutsch, Geschichte und auch Englisch. Praktische Philosophie

war eine Zusatzqualifikation, die sie erworben hat. "Der Unterricht wird mir am meisten fehlen." Um Spekulationen zu begegnen: Der Entschluss, vorzeitig in den Ruhestand zu gehen, sei schon wesentlich älter als der des Rates, die Hauptschule aufzulösen. Brigitte Lubitz hat noch viele Aufgaben. Die wichtigste wird sein, sich verstärkt um ihre Mutter zu kümmern. "Und ich freue mich, mehr Zeit für Kunst und Kultur zu haben." Ein Abonnement für die Nordwestdeutsche Philharmonie hat sie bereits, wenn auch ihr Mann Paul "es nicht so mit Musik hat".

 

Wenn die Nachfrage nach ihrer Hauptschule auch stetig sank, habe sich Brigitte Lubitz nie von Verwaltung und Politik allein gelassen gefühlt. "Alle hatten Bauchschmerzen bei der Entscheidung, die Hauptschule aufzulösen", erinnert sie sich. Sie hofft, dass der "gute Teamgeist" im Kollegium erhalten bleibt. Die kommissarische Leitung bis zur endgültigen Schließung in fünf Jahren wird Konrektorin Cornelia Rohde übernehmen.

 

"Ich wünsche mir, dass die Schüler, die sonst Hauptschüler geworden wären, an den anderen Schulen genauso intensiv und individuell betreut und unterrichtet werden, wie das hier der Fall gewesen wäre", sagt die Schulleiterin, die morgen offiziell verabschiedet wird und in drei Tagen ihren letzten Schultag hat.

NW vom 05.07.2016

Von Kathrin Heeren

Bünde (BZ). »Ich danke Ihnen für ihre fast 42 Dienstjahre als Lehrerin. Es gibt sicherlich viele Schüler, denen Sie während dieser Zeit Vorbild, Leitbild und Stütze waren und noch sind«, sagte gestern Schulrat Eduard Rammert. Während einer offiziellen Feierstunde überreichte er Hauptschullei- terin Brigitte Lubitz ihre Ruhestandsurkunde.

»Ich wünsche Ihnen, dass Sie auch in schwierigen Zeiten Ihr freundliches Naturell niemals ablegen werden«, schloss der Schulrat seine Rede. Neben ihm waren Klassen- und Schülersprecher, Vertreter der Eltern und der Schulaufsicht sowie Freunde, Kollegen, Politiker und Schulleiter aus dem ganzen Kreis Herford zur Abschiedsfeier in die Hauptschule gekommen.

Auch Bürgermeister Wolfgang

Koch richtete Abschiedsworte an Brigitte Lubitz: »Sie haben vor Veränderungen nicht die Augen verschlossen und immer mit Weitblick agiert«, lobte er. Aus dem Lehrerkollegium bekam die scheidende Schulleiterin stellvertretend durch Stefan Struckmeier, Doris Tuminski und Rosi Kellermeyer Reiseutensilien für ihre Zeit im Ruhestand überreicht. Die Schülerinnen und Schüler des Wahlbereichs Musik sorgten für das musikalische Rahmenprogramm während der Abschiedsfeier. Auch die ehemaligen Schüler Alisa Müller und Murat Akbulut hatten sich extra einen freien Tag genommen, um ihre ehemalige Schulleiterin mit musikalischen Beiträgen verabschieden zu können.

Lubitz zeigte sich »überwältigt« von den Worten ihrer Vorredner. Sie betonte, dass gerade ihr letztes Schuljahr es noch einmal

in sich gehabt habe. Neben einer Qualitätsanalyse habe sie sich um die vier Internationalen Klassen für Flüchtlinge kümmern müssen. Ganz nebenbei habe der Rat das Auslaufen ihrer Schule beschlossen. »Das ist auch etwas, was man in seinem letzten Jahr nicht braucht, dass es keine Perspektive für die, die bleiben gibt, während man selbst geht.« Zudem seien drei Kollegen durch Unfälle ausgefallen, weshalb der Stundenplan komplett überarbeitet worden sei. »Wegen all dieser Sachen hatte ich noch keine Zeit, mich zu freuen und Pläne für die Zeit im Ruhestand zu machen«, sagte Lubitz. Dennoch sei es  nicht so, dass sie nicht loslassen könne. »Aber mir werden die Schüler und Kollegen fehlen.« Besonderer Dank ging an ihre Familie: »Ihr müsst manchmal den Eindruck gehabt haben, dass die Schule für mich an erster

Stelle steht. Das war aber nicht so. Ihr seid für mich an erster Stelle. Die Schule hat nur manchmal lauter gerufen«, sagte sie. Sie freue sich, nun mehr Zeit für die Familie zu haben.

Konrektorin Cornelia Rhode soll bis zum Auslaufen der Schule die kommissarische Leitung übernehmen. Die Stelle wird nicht neu ausgeschrieben. »Am meisten werden mir an meiner Arbeit die Kinder fehlen«, sagt Lubitz, die sich am Mittwoch mit einer Feier von Kollegen und Schülern verabschiedet. Die Zeit im Ruhestand möchte sie nutzen, um mit ihrem Mann Paul ins Theater zu gehen. »Auch ein NWD-Abo habe ich mir zugelegt und möchte Ausstellungen besuchen. Zudem werde ich mich um meine Mutter kümmern.«

 

Bünder Zeitung v. 05.07.2016

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