Hauptschule Bünde
 Hauptschule Bünde

Schüler graben Geschichte aus

Hauptschule: Jugendliche sind unterwegs im Paderborner Land. Geschichtsunterricht in der Praxis mit deutlichen Bezügen zur Gegenwart

<Bünde (nw). Wewelsburg, ein beschauliches Dorf im Paderborner Land. Was war das für ein "Tat-Ort"? Wer waren die Täter und wer waren die Opfer? Was ist der Mensch bereit zu tun, wenn man ihm etwas verspricht? Um Ursachen zu erkennen, Strukturen zu begreifen und Eigenverant-wortung zu fördern, suchten Schüler des neunten Jahrgangs der Hauptschule Bünde mit ihren Lehrern Elke Schoenfelder und Stefan Struckmeier authentische Orte in Wewelsburg auf.

"Das Unsichtbare sichtbar machen" lautete das Motto der dreitägigen Gedenkstättenfahrt. Der begleitende Museums-pädagoge, Historiker und Ausgrabungsleiter Norbert Ellermann wollte den Jugendlichen zeigen, dass Geschichte immer Spuren hinterlässt, deren Auswirkungen bis in die Gegenwart ausstrahlen. "Kriege beginnen im Kopf und dort müssen sie auch gestoppt werden. Da Kriege immer von Menschen gemacht werden, ist es manchmal auch notwendig, sich von Menschen zu trennen, die nicht bereit sind, sich entgiften zu lassen", appellierte Ellermann während der Einführungsphase

im ehemaligen SS-Wach-gebäude.

Gemeinsam mit den Schülern deckte der Historiker die Vorgehensweise der Nazis auf und spannte dabei immer wieder den Bogen zur Gegenwart. So wählten Lehrer und Schüler aus etwa 80 Fotos, die sich mit den Tätern, Opfern, der Ideologie und dem Terror der SS beschäftigen, diejenigen Bilder aus, die sie ganz persönlich ansprachen. "Mir hat diese Art des Lernens aus der Geschichte gut gefallen, weil ich für mich ganz persönlich etwas Neues kennengelernt habe", sagte Schüler Benjamin Hermann und sein Mitschüler Pietro Cali ergänzte: "Ich kann an diesem Ort die Zusammenhänge besser verstehen als im Unterricht."

Ein Höhepunkt der Fahrt war die Fortsetzung des Ausstellungs-besuchs an einem Originalschauplatz der Geschichte, dem ehemaligen Schießstand der SS. Hier ging es darum, in gemeinschaftlicher Arbeit ein Stück Geschichte freizulegen.

Dieser 130 Meter lange, 15 Meter breite und mehrere Meter tiefe Schießstand wurde 1941 von Häftlingen des nahe gelegenen Konzentrationslagers 

angelegt. Es diente den Wachmannschaften des KZ und den Angehörigen der SS-Burgmannschaft für Schieß-übungen. In der Bauphase kam dort mindestens ein Häftling zu Tode, anschließend diente er als Hinrichtungsstätte für Gefan-gene der Gestapo und am Ende des Krieges war er Schauplatz einer Massenerschießung von 15 osteuropäischen Bürgern.

 

Bei der Ausgrabung finden die Schüler eine Patronen-hülse

 

Die Toten wurden bereits 1945 auf Befehl der amerikanischen Militärregierung von Einwohnern des Dorfes Wewelsburg ausgegraben und auf dem Gemeindefriedhof bestattet. Ausgestattet mit diesem Wissen entfernten Lehrer und Schüler "den Schutt der Vergangenheit" und leisteten dadurch ein Stück aktiver Erinnerungsarbeit - mit Spitzhacken, Schaufeln und Eimern. Neben Keramikschalen, Ampullen und Porzellanteilen machte der Fund einer Patronenhülse die Bedeutung des Ausgrabungsortes sichtbar. Das Fundstück wurde vorsichtig gesäubert und dabei festgestellt, dass es sich um eine

britische Patronenhülse - 1944 produziert - handelt. Dieser Ort der Täter wurde also nach 1945 noch von alliierten Besatzungssoldaten weiter benutzt.

Die Bünder Gruppe besuchte auch das Gelände des ehemaligen KZ Niederhagen mit Krematorium. Das KZ diente der SS ausschließlich dazu, das alte Schloss umzubauen. Es war das kleinste selbstständige KZ des Deutschen Reiches und das Einzige im heutigen NRW. Von den etwa 3.900 Häftlingen kamen 1.285 namentlich nachweisbar ums Leben. Am Mahnmal gedachte jeder ganz persönlich der Toten.

Ellermann gab der Gruppe mit, dass das eigene Gewissen immer noch die wichtigste Instanz ist, die Menschen vor dem Abgleiten in menschenfeindliche und menschenverachtende Denk- und Verhaltensweisen bewahren kann. "Die Täter von damals waren ganz normale Menschen, keine Maschinen. Alles beginnt in unserem Kopf. Aus Gedanken werden Worte und aus Worten werden Taten."

 

NW vom 20.06.2017

 

Bünder Schüler auf Exkursion im Paderborner Land: Die Gruppe zum Ende der Ausgrabung auf dem ausgedehnten Gelände. Foto: Schoenfelder

Fotoalbum
(Fotos Schoenfelder)

 
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