Hauptschule Bünde
 Hauptschule Bünde

Beeindruckende Kulisse: Schüler des 9. Jahrgangs, Lehrer der Hauptschule und Zeitzeuge Meinholf Stelte (mit Stock) vor der Wewelsburg im Paderborner Land.                                                                         Foto: Schule

Ausgrenzung beginnt im Kopf

Hauptschule: Neuntklässler setzen sich mit Kindheit und Jugend in totalitären Systemen auseinander. Viele Parallelen zwischen Islamismus und NS-Gedankengut

Bünde (nw). Um Ursachen zu erkennen, Strukturen zu begreifen und Eigenverantwor-tung zu fördern, suchten Schülerinnen und Schüler des 9. Jahrgangs der Hauptschule Bünde mit ihren Klassenlehrerinnen Alexandra Dammers und Elke Schoenfelder einen authentischen Ort des SS-Terrors in NRW auf: Wewelsburg, ein beschauliches Dorf im Paderborner Land.

"Die Würde des Menschen ist unantastbar - nie wieder Menschenverachtung und Ausgrenzung!", lautete das Motto der zweitägigen Gedenkstättenfahrt. In der Einführungsphase wurden den Neuntklässlern Kinder vorgestellt, die in radikalen Situationen und Organisationen handeln mussten: von Zwangsheirat über Gewaltverherrlichung bis hin zu Todesmissionen als Kindersoldaten mit Stirnbändern, auf denen auf arabisch zu lesen war: "Ich bin bereit, alles für dich zu tun!".

An dieser Stelle wurde der Transfer zur NS-Propaganda deutlich, die darauf beruhte, dass der Einzelne keine Bedeutung hat und nur die so genannte Volksgemeinschaft zählt. Der Historiker und Museumspädagoge Norbert Ellermann zeigte anhand von Bildern, dass menschenver-

achtende Propaganda damals  wie heute nicht immer primitiv  und derb sein muss, sondern wie ein schleichendes süßes Gift sein kann.

"Deswegen muss man das Gift kennen, um sich davor zu hüten oder ein Gegengift dazu entwickeln", betonte Ellermann. Anhand eines historischen Überblicks der Geschichte der Wewelsburg und der SS von 1933 bis 1945 stellte der Historiker auch den Kindergarten der SS vor, der in Konkurrenz zum katholischen Kindergarten stand. Als katholisches Kind war es durchaus möglich, den SS-Kindergarten zu besuchen, der viel besser ausgestattet war.

 

Früher oder heute - oft geht es um ähnliche Probleme

 

Schließlich wurde es von der SS begrüßt, wollte man doch das katholische Leben im Ort schwächen. Hinzu kam, dass Kinder in gewisser Hinsicht keine Ängste haben, deshalb konnte man sie auch entsprechend biegen, formen und abrichten. Bemerkenswert ist bis heute das Phänomen, dass jede Diktatur sich die Kinder so erzieht, wie sie diese benötigt.

 

Auch in demokratischen Gesellschaften gibt es 

Tendenzen, die mittels  bestimmten Spielzeuges versuchen, auf Kinder entsprechend einzuwirken. Den Schülern wurde deutlich, dass Verführung, die zu Extremismus führt, zuerst  im Kopf entsteht, dann ausgesprochen und am Ende mit Gewalt ausgelebt wird. Höhepunkt der Exkursion war der Besuch des 1938 in Wewelsburg geborenen Zeitzeugen Meinholf Stelte.

In bewegender Weise erzählte der spätere Landwirt seine Kindheits- und Jugenderlebnisse in Diktatur und Krieg. Wichtig war Stelte, den jungen Menschen zu zeigen, dass Menschlichkeit im Umgang mit Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen möglich war. "In dem Gespräch wurde deutlich, dass Neid auf erfolgreiche Menschen und die Angst vorm eigenen sozialen Abstieg eine Triebfeder für Hass ist", heißt es in einer Mitteilung der Schule. Kleine Kinder verstehen sich untereinander gut bis jemand sagt: "Mit dem Kind darfst du nicht mehr spielen!".

Am Ende zeigte sich, dass es trotz aller Unterschiede in der Lebenswelt der jungen Menschen - früher und heute - oft um ähnliche Probleme geht: Anpassung und Widerstand. Es ist nach wie vor leichter, "Ja!" zu sagen als "Nein!". "Glücklicherweise ist es heute in 

unserem demokratischen Staat  ungefährlich, seine  eigene Meinung zu äußern. Es ist sogar gewünscht, Fragen zu stellen; denn nur so kann Demokratie funktionieren", so die Schule weiter. Da wo Männer und Frauen gleichberechtigt sind, haben es Diktaturen schwer.

Auf einer Ortsbegehung suchte die Gruppe authentische Gebäude und Plätze der NS-Zeit und heutigen Erinnerungskultur in Wewelsburg auf: das ehemalige NS-Dorfgemeinschafts-haus, das Gelände des ehemaligen KZ Nieder-hagen mit Wohn- und Wirtschaftsgebäuden und dem lagereigenen Krematorium. Es war das kleinste selbstständige KZ des Deutschen Reiches und das einzige auf dem Gebiet des heutigen Landes NRW. Von den etwa 3.900 Häftlingen kamen 1.285 namentlich nachweisbar ums Leben.

Elke Schoenfelder gab den Jugendlichen mit auf den Weg, dass die Verstorbenen und Überlebenden des Konzentrationslagers die nachfolgenden Generationen mahnen, auf Menschenwürde und Menschenrechte zu achten, damit nie wieder die Idee eines solchen menschenverachtenden Systems in Deutschland oder irgendwo auf der Welt Wirklichkeit wird.

 

NW vom 26.06.2018

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